Größer
Bedenkt man: Stirn an Stirn mit einem
Wolfe! Wir äugelten uns eben nicht sehr
lieblich an, und in den Augen des Untiers
las ich deutlich seinen Entschluss, mir,
wenn ich den Arm zurückzog, auf den
Leib zu springen. In dieser verzweifelten
Lage packte ich zu, ergriff seine Eingeweide,
und während Musje Isegrim vor
Schmerz heulte und nicht zubeißen konnte,
kehrte ich den ganzen Kerl wie einen
Handschuh um, das Äußerste zu innerst,
und schleuderte ihn so zu Boden, wo ihn
der Gärtner am anderen Morgen fand."Im Umgang mit der wilden Kreatur, zeigte sich der unerschrockene Kraftlackl kaltblütig, erfindungsreich und nicht zimperlich. Ein Wunder, dass all diese tierschutzwidrigen Handlungen nicht längst schon von besorgten "Experten" zensiert wurden. Gründe dafür gäbe es nämlich genug.
Doppelte Gefahr
Nicht nur in jener Begebenheit, die sich in Ceylon zugetragen haben soll. Es ist die erste seiner "Seereisen", die ihn nach einem Sturm stranden ließ. "Es mussten ungefähr vierzehn Tage verstrichen sein, als mir der Sohn des Statthalters den Vorschlag tat, mit mir auf die Jagd zu gehen. [...] Ich wollte mich eben am Ufer eines reißenden Stromes niedersetzen, als ich ein Geräusch hörte. Ich sah zurück und wurde fast versteinert, als ich einen ungeheuren Löwen erblickte, der gerade auf mich zukam und mir nicht undeutlich merken ließ, dass er gnädigst geruhte, meinen armen Leichnam zu seinem Frühstück zu machen, ... ." Unbegreiflich, aber seine Flinte war nur mit Hasenschrot geladen, er drückt ab, und wütend stürmt der Löwe auf ihn zu. Verzweifelt versucht er zu fliehen doch "wenige Schritte vor mir steht ein scheußliches Krokodil, das schon fürchterlich seinen Rachen aufsperrt, um mich zu verschlingen."
Münchhausen stürzt und erwartet sein Ende. Doch das Schicksal ist gnädig: "Zu meiner Freude finde ich, dass der Löwe in der Hitze, in der er auf mich losschoss, über mich weg in den Rachen des Krokodils gesprungen war. Der Kopf des einen steckte im Schlunde des anderen." Natürlich führt der kühne Waidmann auch in exotischen Gefilden eine stilgemäße kalte Waffe mit sich: "Gerade zur rechten Zeit sprang ich auf, zog meinen Hirschfänger und mit einem Streich hieb ich den Kopf des Löwen ab, sodass der Rumpf zu meinen Füßen zuckte."
Nun sollte es auch dem Reptil den Atem verschlagen: Mit dem "unteren Ende meiner Flinte stieß ich den Kopf noch tiefer in den Rachen des Krokodils, das nun jämmerlich ersticken musste." Das Fell des Löwen findet eine originelle Verwendung: "Ein dortiger Kürschner musste mir daraus Tabaksbeutel verfertigen, von denen ich einige meinen Bekannten zu Ceylon verehrte."
Die Haut des Krokodils aber wurde "ausgestopft und macht nun eine der größten Merkwürdigkeiten in dem Museum zu Amsterdam aus." Mit schelmischem Augenzwinkern bezichtigt der Protagonist den Museumsführer, der Wahrheit nicht sonderlich zugetan zu sein: "So pflegt er zum Beispiel zu sagen, dass der Löwe durch das Krokodil hindurch gesprungen sei und eben bei der Hinterthüre habe entwischen wollen, als Monsieur, der weltberühmte Baron, wie er mich zu nennen beliebt, [...]".
Machen wir es kurz: Der sensationslüsterne Bursche erzählte, Münchhausen hätte mit dem entschlüpfenden Löwenhaupt auch den Schwanz der Echse abgetrennt. Das Krokodil riss ihm den Hirschfänger aus der Hand, verschluckte ihn – und der blanke Stahl fuhr direkt in sein Herz. "Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie unangenehm mir die Unverschämtheit dieses Schurken sein muss", kommentiert der Erzähler mit der Ironie des Wissenden.




