Jägerlatein à la Münchhausen

Berühmter Jäger:

Seine Abenteuer scheinen physikalische Gesetze aufzuheben, wie etwa der Ritt auf der Kanonenkugel oder das sprichwörtliche "am eigenen Schopf herausziehen". Auch seine zahlreichen Jagderlebnisse sind reich an absurder Komik. Erfunden aber sind nur seine drolligen Possen, der heldenhafte Haudegen, der uns als "Lügenbaron" bekannt ist, hat jedoch tatsächlich gelebt.
Münchhausen Wolf.jpg © Willy PlankGrößer Bedenkt man: Stirn an Stirn mit einem Wolfe! Wir äugelten uns eben nicht sehr lieblich an, und in den Augen des Untiers las ich deutlich seinen Entschluss, mir, wenn ich den Arm zurückzog, auf den Leib zu springen. In dieser verzweifelten Lage packte ich zu, ergriff seine Eingeweide, und während Musje Isegrim vor Schmerz heulte und nicht zubeißen konnte, kehrte ich den ganzen Kerl wie einen Handschuh um, das Äußerste zu innerst, und schleuderte ihn so zu Boden, wo ihn der Gärtner am anderen Morgen fand."

Im Umgang mit der wilden Kreatur, zeigte sich der unerschrockene Kraftlackl kaltblütig, erfindungsreich und nicht zimperlich. Ein Wunder, dass all diese tierschutzwidrigen Handlungen nicht längst schon von besorgten "Experten" zensiert wurden. Gründe dafür gäbe es nämlich genug.

Doppelte Gefahr


Nicht nur in jener Begebenheit, die sich in Ceylon zugetragen haben soll. Es ist die erste seiner "Seereisen", die ihn nach einem Sturm stranden ließ. "Es mussten ungefähr vierzehn Tage verstrichen sein, als mir der Sohn des Statthalters den Vorschlag tat, mit mir auf die Jagd zu gehen. [...] Ich wollte mich eben am Ufer eines reißenden Stromes niedersetzen, als ich ein Geräusch hörte. Ich sah zurück und wurde fast versteinert, als ich einen ungeheuren Löwen erblickte, der gerade auf mich zukam und mir nicht undeutlich merken ließ, dass er gnädigst geruhte, meinen armen Leichnam zu seinem Frühstück zu machen, ... ." Unbegreiflich, aber seine Flinte war nur mit Hasenschrot geladen, er drückt ab, und wütend stürmt der Löwe auf ihn zu. Verzweifelt versucht er zu fliehen doch "wenige Schritte vor mir steht ein scheußliches Krokodil, das schon fürchterlich seinen Rachen aufsperrt, um mich zu verschlingen."
Münchhausen stürzt und erwartet sein Ende. Doch das Schicksal ist gnädig: "Zu meiner Freude finde ich, dass der Löwe in der Hitze, in der er auf mich losschoss, über mich weg in den Rachen des Krokodils gesprungen war. Der Kopf des einen steckte im Schlunde des anderen." Natürlich führt der kühne Waidmann auch in exotischen Gefilden eine stilgemäße kalte Waffe mit sich: "Gerade zur rechten Zeit sprang ich auf, zog meinen Hirschfänger und mit einem Streich hieb ich den Kopf des Löwen ab, sodass der Rumpf zu meinen Füßen zuckte."
Nun sollte es auch dem Reptil den Atem verschlagen: Mit dem "unteren Ende meiner Flinte stieß ich den Kopf noch tiefer in den Rachen des Krokodils, das nun jämmerlich ersticken musste." Das Fell des Löwen findet eine originelle Verwendung: "Ein dortiger Kürschner musste mir daraus Tabaksbeutel verfertigen, von denen ich einige meinen Bekannten zu Ceylon verehrte."

Die Haut des Krokodils aber wurde "ausgestopft und macht nun eine der größten Merkwürdigkeiten in dem Museum zu Amsterdam aus." Mit schelmischem Augenzwinkern bezichtigt der Protagonist den Museumsführer, der Wahrheit nicht sonderlich zugetan zu sein: "So pflegt er zum Beispiel zu sagen, dass der Löwe durch das Krokodil hindurch gesprungen sei und eben bei der Hinterthüre habe entwischen wollen, als Monsieur, der weltberühmte Baron, wie er mich zu nennen beliebt, [...]".

Machen wir es kurz: Der sensationslüsterne Bursche erzählte, Münchhausen hätte mit dem entschlüpfenden Löwenhaupt auch den Schwanz der Echse abgetrennt. Das Krokodil riss ihm den Hirschfänger aus der Hand, verschluckte ihn – und der blanke Stahl fuhr direkt in sein Herz. "Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie unangenehm mir die Unverschämtheit dieses Schurken sein muss", kommentiert der Erzähler mit der Ironie des Wissenden.

Hilfreiche Tricks

Münchhausen Ceylon.jpg © Willy PlankGrößer Ob Enten, die er mit aneinandergeknüpften Schinkenstücken, die er in den Teich warf, und die geschluckt das Wassergeflügel zu einer Kette verbanden, um sich von ihnen fliegend zum Schloss tragen zu lassen, oder wenn er von einer grotesk kynologischen Besonderheit berichtet, in der er seine Windhündin Zephirette würdigt, "deren ich mich viele Jahre lang auf der Hetzjgad bedient habe. Eigentlich wollte ich sie nicht mitnehmen, weil sie mit Jungenträchtig war und doch nicht so schnell laufen konnte wie sonst. Es dauerte nicht lange, da tat sich vor uns ein Hase auf, der ungewöhnlich dick aussah, ..." Münchhausen ritt weiter und verlor zunächst Hund und Hase aus den Augen. "Auf einmal hörte ich ein Gekläff, wie von einer ganzen Koppel Hunde, allein so schwach und zart, dass ich nicht wusste, was ich daraus machen sollte, ..."

Bald bot sich die Erklärung: Hase und Hündin hatten während dessen jeweils fünf Junge bekommen. Die Welpen hatten den Nachwuchs abgetan, Zephirette die Mutter. Und noch etwas passierte: "Die flinke Zephirette lief so schnell und so oft und so lange in meinem Dienste, dass sie sich die Beine ganz bis dicht unter dem Leib weglief und ich sie in ihrer letzten Lebenszeit nur noch als Dachshund gebrauchen konnte."

Verabscheuungswürdig auch jene Tat, die er an einem schwarzen Fuchs vollbracht haben soll. Um seinen Balg zu schonen, peitschte er ihn kaltblütig – ohne zu töten – aus dem Haarkleid. Reineke überlebt nackt. Selbst einen rasenden Keiler bannt er höchst unkonventionell: Tollkühn rettet er sich ins Geäst eines Baumes, der grobe Basse prallt ungebremst mit seinem Gewaff in den Stamm. Noch bevor sich der Urian befreien kann, klettert Münchhausen hinunter und "schmiedet" die Hauer mit einem Kiesel in das Holz. Auch jener Hirsch, dem er mangels Munition mit Kirschkernen aufs Haupt geschossen haben will, dem er im nächsten Jahr wieder begegnete, hört sich gar wundersam an:
Dem Cerviden wuchs ein Kirschbäumchen zwischen den Stangen. Liest man all jene Begebenheiten, so erweckt es den Eindruck, Herr v. Münchhausen hätte überhaupt ein sehr saloppes Verhältnis zu seiner Munition gehabt, um nach kreativen Alternativen zu suchen: "Ich war ausgegangen, um eine neue Flinte zu probieren und hatte meinen kleinen Vorrat von Hagel ganz und gar verschossen, als wider alles Vermuten vor meinen Füßen eine Flucht Hühner aufging. Der Wunsch, einige derselben abends auf meinem Tische zu sehen, brachte mich auf den Einfall, von dem sie, im Falle der Not, Gebrauch machen können. Sobald ich gesehen hatte, wo sich die Hühner niederließen, lud ich hurtig mein Gewehr und setzte
Schrotes den Ladestock auf, den ich am oberen Ende etwas zuspitzte. Nun ging ich auf die Hühner zu, drückte, so wie sie aufflogen, ab und hatte das Vergnügen zu sehen, das mein Ladestock mit sieben Stück, die sich wohl wundern mochten, so früh am Spieße vereinigt zu werden."

Absurd fabuliertes Jägerlatein des ausgehenden 18. Jahrhunderts eben. So unglaublich es jedoch auch klingen mag: Zumindest für diese Erzählung gibt es authentische Hinweise. Und nun begegnen wir der wahren Figur des Hieronymus Carl Friedrich v. Münchhausen.

Karriere im fernen Russland

ie Spuren führen in das Zarenreich, anno 1739. Sir Robert Gunning, derbritische Botschafter in Petersburg, berichtet von einem Vorfall bei einer Truppen-Inspektion, der gerade noch glimpflich endet: Plötzlich löst sich ein Schuss, ein Ladestock fliegt aus dem Lauf und durchbohrt die rechte Hinterhand des Pferdes jenes Mannes, der noch eine politisch stabilisierende Rolle spielen soll: Prinz Anton Ulrich v. Braunschweig-Wolfenbüttel. "Ross und Reiter fielen zu Boden, zum Glück wurde der Prinz nicht verletzt", notiert der Diplomat erleichtert in sein Tagebuch. Ziemlich sicher wird auch der 19-jährige Hieronymus v. Münchhausen Augenzeuge des dramatischen Vorfalls, denn er ist einer der Pagen im Gefolge des Braunschweigers. Seit 1733 ist der Prinz Gast am russischen Hofe. Dynastische Verflechtungen und"Personalrochaden" unter europäischen Herrscherhäusern sind damals üblich. Er gilt als Prinzgemahl der mecklenburgischen Prinzessin Anna Leopoldwna, einer Nichte Kaiserin Anna Iwanowas, die ihre Verwandte zur Thronfolgerin bestimmt hatte – Pläne, die in fragilen Zeiten wie diesen auf schwachen Beinen stehen.
Doch wie kommt ein hannoveranischer Junker in das ferne Russland? Ganz einfach: Russland steht seit 1736 im Krieg mit den Osmanen, und Anton Ulrich verlor bei der Eroberung der türkischen Festung Otschakowa zwei seiner Pagen. Münchhausen meldet sich freiwillig als Ersatzmann zu diesem gefährlichen Einsatz.
Doch bald ist ihm der Hofdienst zu langweilig – er wird Offizier im Kürassier-Regiment des Braunschweigers und genießt dessen Protektion: Mit seiner Beförderung zum "Kornett" schenkt Anton Ulrich ihm drei Pferde samt Sattelzeug und ein Paar kostbarer Pistolen. Ein Jahr später wird er bereits zum Leutnant der Leibkompanie befördert. Als Kommandeur des 1. Bataillons wird er in die alte Hansestadt Riga versetzt, die seit 1710 unter russischer Herrschaft steht. Nun stehen vorwiegend administrative Aufgaben im Vordergrund.
Allerdings überschlagen sich die politischen Ereignisse: Nach mehreren Umstürzen wird Anton Ulrich und seine Frau inhaftiert – und damit endet die gloriose Laufbahn des hoffnungsvollen Offiziers. In Riga aber findet er Zugang zur baltischen Gesellschaft. Vor allem der Gutsherr und Richter Georg Gustav v. Dunten ist ihm ein väterlicher Freund. Der elegante Kavallerist ist oft bei ihm zu Gast, und es beginnt eine unbeschwerte Zeit, die man sich vorwiegend mit Jagden und abendlichen Unterhaltungen vertreibt. Im Kreise baltischer Edelleute wird erstmals von seiner Lust am Fabulieren berichtet, wozu sein bisheriges Leben auch wohl geeignet ist.
Noch etwas erfreuliches trägt sich zu: Am 2. Februar 1744 heiratet er Jacobine v. Dunten, die Tochter seines Mentors.

Lebensverändernde Lügen

MÜnchhausen Spieß.jpg © Willy PlankGrößer Anno 1750 ersucht er um einjährigen Urlaub von der Armee: Erbschaftsangelegenheiten rufen ihn auf das väterliche Gut Bodenwerda zurück, wo er am 20. Mai 1720 geboren wurde. Hier schlägt nun ein ruhiger Rhythmus: Jagden, Pferde und seine Hundemeute stehen im Mittelpunkt des Interesses, worüber er gern und geistreich zu erzählen weiß. Eigens für diese geselligen Zusammenkünfte lässt er einen Gartenpavillon errichten, auch im Hotel "Zur Krone" im nahen Göttingen brilliert er mit seinen heiteren Possen. Manchen Quellen zufolge soll auch der Dichter Gottfried August Bürger während seiner Dozentenzeit manchmal Gast dieser illustren Corona gewesen sein.

Und dann kommt anno 1786 jenes Buch ins Gespräch, das schlagartig sein Leben verändert: "Wunderbare Reisen zu Wasser und Lande, Feldzüge und lustige Abentheuer des Freyherrn von Münchhausen, wie er dieselben bey der Flasche im Circel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt." Lauter schamlose Lügen – unter seinem Namen. Münchhausen ist zutiefst erzürnt und plant eine Klage. Aber gegen wen? Sich selbst etwa? Auch seine Standesgenossen wollen nicht an einen anonymen Verfasser glauben. Heute wissen wir, wem er diese "Rufschädigung" verdankt: Zunächst einem gewissen Erich August Raspe.
Ein Mann mit genialen Fähigkeiten als Wissenschaftler, dessen Neigung zur Prasserei ihn aber bald in Bedrängnis bringt. Aus Geldnot vergreift er sich an der landgräflich hessischen Münzsammlung und flieht nach London. Dort veröffentlicht er jene haarsträubend fantastischen Geschichten, die bis heute in zahlreichen Abwandlungen in Umlauf sind. Eine Auflage nach der anderen verkauft sich; der Stoff ist zu packend, um ihn nur einer Leserschaft jenseits des Ärmelkanals zu überlassen. Hier kommt Gottfried August Bürger wieder ins Spiel. Er übersetzt diese Geschichten und fügt eigene Schöpfungen hinzu. Ein wahrer Bestseller war geboren, Doch das Schicksal hält noch weitere tragischen Facetten bereit: Nach 46 Ehejahren stirbt 65-jährig am 19. August 1790 seine Frau. Seelisch ist Münchhausen nun völlig entwurzelt.

Ein Buch als Zeuge


Im Sommer anno 1793 zeigt sich jedoch ein Silberstreif am Horizont, als Major v. Brünn den zermürbten Münchhausen in Bodenwerda besucht. Ein entfernter Bekannter und verarmter Offizier, dessen 17-jährige Tochter Bernhardine die Aufmerksamkeit des Witwers erweckt. Oder wurde diese Zusammenkunft gar bewusst inszeniert?
Ein wohlhabender Greis aus alter Familie, mit Sehnsucht nach weiblicher Wärme und eine reizvolle junge Frau – eine Kombination, die positive Prognosen zugunsten einer posthumen Schabernack zu sprechen: Rund hundert Jahre nach seinem Tod wurde seine Exhumierung angeordnet.
Die Begründung: In der Kirche, wo er bestattet wurde, herrschte stickige Luft.
Ein Mitglied der Ausgrabungskommission und ein Augenzeuge berichten übereinstimmend, dass "der Unsterbliche wie lebendig erhalten geblieben" ist, "Haar, Haut und Gesicht waren unversehrt." Erst die frische Luft lässt ihn, in Sekundenschnelle, zum Skelett verfallen: "Wie ein Spuk fiel die Form und Gestalt in sich zusammen, durch einen Zauber oder ein Wunder." Das Grab wurde wieder geschlossen, denn die Ursache der Geruchsbelästigung war somit wohl beseitigt.

Doch noch eine Frage ist ungeklärt: Wie kam Münchhausen zu seinem Titel als "Lügenbaron"? Weder das Taufregister noch die Sterbeurkunde bezeugt den Freiherrentitel, und auch ein persönliches Ansuchen um Standeserhöhung existiert nicht. Erst die Literatur des 19. Jahrhunderts gewährt ihm dieses Prädikat. Als "Lügenbaron" bleibt er wohl für ewige Zeiten unsterblich. sorglosen Zukunft der Tochter zulässt. So wird berichtet, dass ihre Mutter, die als kühl kalkulierende Person galt, die Eheschließung bewusst vorantrieb. Nicht nur der beträchtliche Altersunterschied, sondern mehrere fatale Fügungen leiten nun ein teuflisches Finale ein: Bald schon hört man, dass Bernhardine es mit der Treue nicht so genau nähme.
Und: Sie ist "guter Hoffnung" – ob vom Herrn Gemahl ist ungewiss. Münchhausen ist bestrebt, noch vor Geburt die Scheidung abzuschließen. Der Prozess aber zieht sich über drei Jahre hinweg und stürzt das Gut in den Ruin. Als schlagenden Beweis für die Unglaubwürdigkeit des alten Sonderlings führt nämlich der Verteidiger seiner Frau ausgerechnet jenes Buch an, das sogar in Frankreich begeisterte Leser fand. Am Morgen des 22. Februar 1797, kurz vor zehn Uhr, reißt ein Schlaganfall den verbitterten einsamen Mann aus dem Leben.
Der Münchhausen-Mythos trieb aber bald schon sonderbare Blüten, fast ist man versucht, von einem handfesten
18.01.2010 10:16

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