021 Hochsitz,Volkmar.jpg © Karl-Heinz VolkmarGrößer

Hochsitznamen

Jagderlebnis

In einigen Revieren sind sie nur eine schlichte Nummer, aber sie gehören zum jagdlichen Alltag wie Fernglas oder Waffe: Hochsitze, Kanzeln und Leitern. Doch vielerorts haben Hochsitze auch Namen – und dahinter verbergen sich oft amüsante Geschichten oder kleine "Dramen".
Der Besuch bei einem Jagdfreund war schon lange geplant. Neben ausreichend Zeit zum Plaudern sollte es natürlich zur Jagd gehen. "Du gehst zu Ali und Du zum Tanzboden", wurden wir angewiesen. Mein Mann und ich schauten uns ratlos an: Ali? Das hörte sich nach Dönerbude an. Und Tanzboden? Wir wollten doch jagen gehen. Unsere Gesichter müssen Bände gesprochen haben, denn unser Freund lachte auf: "Keine Angst, das sind beides gute Sitze. Ali heißt übersetzt ‚an der Lichtleitung’, doch das war uns auf Dauer zu lang. Mittlerweile sagen wir intern auch nur ‚Dönerbude’ dazu". Aha, also hatte ich damit schon mal recht. Aber was hatte es nun mit dem Tanzboden auf sich? "Der Sitz hatte mal die Nummer 96.
Ein junger Mitjäger hat den mal als Geschenk für uns gebaut und es wohl etwas gut gemeint. Auf jeden Fall ist der Hochsitz so groß geworden, dass mindestens fünf Erwachsene dort nebeneinander sitzen können. Irgendjemand nannte ihn darum mal ,Tanzboden’ und seither heißt er so." Nun, dann war ja alles geklärt. Bei "Ali" saß man übrigens wirklich sehr gemütlich, die besagte Lichtleitung verlief im Rücken, vor mir lag eine kleine Lichtung. Auf eben dieser konnte ich an dem Abend sogar noch eine Schmalgeiß erlegen. Der "Tanzboden" übertraf nach Beschreibungen meines Mannes noch bei weitem den Hinweis " …hat es wohl gut gemeint".
Hier oben kam es, wie wir später erfuhren, im Laufe der Jahre immer wieder zu grotesken Situationen, wenn ein Jäger in Ecke A saß, aber das Wild von Seite B anwechselte. Meinem Mann ging es nicht anders: Für welche der vier Seiten sollte er sich entscheiden? Haben Sie einmal vor der Schussabgabe versucht, unentdeckt durch Ihre Ansitzeinrichtung "zu laufen", um gegenüber wieder Platz zu nehmen? Wenn Sie es lesen, hört es sich lustig an, bei der Jagd kann man daran allerdings verzweifeln.

Kleines Drama im Wald


Vielleicht sind Sie auch schon mal zu einem Sitz geschickt worden, der eine ausgefallene Bezeichnung hatte. Bei vielen Sitzen steckt hinter der Namensgebung eine interessante, amüsante oder leicht dramatische Geschichte. Zur letzten Kategorie gehört der Sitz "Der verlorene Sohn". Bei einem gemeinsamen jagdlichen Familienausflug wollten die Männer der Runde noch eine alte Leiter ausbessern. Der vierjährige Sohn des Pächters wollte unbedingt mit, und so brach man von der Jagdhütte mit allerlei Werkzeug auf.
Die Männer werkelten fleißig, und der kleine Junge hielt sich immer in Sichtweite auf. Nach einiger Zeit waren die Ausbesserungsarbeiten erledigt, die Leiter neu ausgerich-tet und nach dem Probesitzen für gut befunden. "Hier kannst Du heute Abend ansitzen. Und nimm doch mal Deinen Sohn mit", schlug einer der Männer dem Jagdherren vor. "Keine schlechte Idee. Jonas, willst Du heute Abend mit Papa zur Jagd?", fragte der Mann, sich nach seinem Sohn umdrehend. Doch der Kleine war nicht zu sehen. Es wurde gerufen und gesucht, doch das Kind war nicht aufzufinden. Bereits leicht panisch kam man überein, dass man zur Hütte zurückkehren, einen Hund holen und einen größeren Suchtrupp organisieren wollte. An der Jagdhütte angekommen, saß der kleine Jonas davor und spielte vergnügt im Sand.
Nach der ersten Erleichterung und großer Freude stellte sich heraus, dass dem Kind langweilig geworden war und es ganz alleine die zwei Kilometer zur Hütte gelaufen war. Seine Mutter hatte sich zwar gewundert, dass Jonas alleine zurückkam, aber als der Kleine sagte: "Papa baut noch und kommt auch gleich", machte sie sich weiter keine Gedanken. Nach diesem Erlebnis wurde die Leiter auf den Namen "Der verlorene Sohn" getauft.

Ein ungeduldiger Förster


Zu den amüsanteren Geschichten gehört mit Sicherheit folgende: Ein Jagdgast wurde von einem kurz vor der Pensionierung stehenden Forstbeamten geführt. Es sollte ein ganz besonderer Hirsch sein, eben der Lebenshirsch. Der Jagdgast stellte sich als relativ komplizierter Zeitgenosse heraus. Bis es losgehen konnte, verstrich immer diverse Zeit, da der Waidmann erst sich und seine umfangreiche Ausrüstung bereitmachen musste. Der Forstbeamte brachte nicht mehr die rechte Geduld auf und herrschte den Gast an, er möge doch lediglich seine Waffe mitnehmen.
Doch der Gast bestand auf seinem "Ritual", wie er es nannte. Der ihm zugedachte Hirsch hatte seinen Einstand an einer Lichtung, an der eine Leiter stand. Bereits mehrere Versuche waren fehlgeschlagen, den Geweihten zu strecken. Entweder war es dem Gast zu weit, ihm passte die Gewehrauflage nicht, oder er brauchte einfach zu lange. Beim zehnten Versuch trat tatsächlich besagter Hirsch aus. Bei diesem Mal löste sich ein Schuss – doch das Projektil erlegte nur einige Kleeblüten in Hirschnähe. Daraufhin konnte der altgediente Förster nicht mehr an sich halten und murmelte: "Idiot!" Allerdings so laut, dass sein Nebenmann es mitbekam.
Es kam zu einem Wortgefecht, an dessen Ende der Jagdgast beleidigt abfuhr und der Förster die Tage zu seiner Pensionierung noch mehr herbeisehnte. Aber noch vor seinem Dienstende stand der Name der Leiter fest: "Idiotensitz".

Arzt und Rechtsanwalt als Namenspaten


Bei einer Bewegungsjagd vor vielen Jahren gehörte auch ein Arzt zu unseren Jagdgästen. Henning, Doktor der Allgemeinmedizin und als sehr sicherer, aber auch "raumgreifender" Schütze bekannt, bekam einen Stand zugewiesen, der noch namenlos war, und erlegte von dort ein Rotkalb – mit einem sicheren Schuss auf "deutlich über 200 Meter", wie später das Bergekommando zu Protokoll gab. Daraufhin erzählte er von seinen Anblicken: "Dort, wo ich hingeschossen habe, müsste eigentlich ein Sitz hin, drei Rudel sind da durchgezogen." Wir sahen uns die Ecke an und gaben ihm Recht. Also stellten wir dort eine neue offene Leiter auf. Es war nach der Vorgeschichte eigentlich klar, dass dieser Sitz "Doktorenleiter" heißen musste. Nicht immer stehen also die Sitznamen sofort fest. So war es bei einer anderen Leiter in unserem Revier. Zur Beschreibung hieß es eigentlich immer "die Leiter am Birkenweg gegenüber". So richtig zufrieden waren wir damit nicht, aber es fiel uns nichts anderes ein.
Bis zu dem Tag, als dort während einer anderen Beunruhigungsjagd ein Rechtsanwalt saß. Am Ende der Jagd hatte er von dieser Leiter einen Überläufer, ein Rotkalb und ein Dam-Schmaltier liegen. "Drei verschiedene Schalenwildarten habe ich noch nie an einem Tag erlegt", freute sich der Jägersmann. Ehrlich und bescheiden wie er war, wehrte er sich dagegen, dass der Sitz nach ihm und seinem jagdlichen Glück benannt werden sollte.
Das Schicksal hielt für unseren Freund leider nichts Gutes parat, er verstarb im letzten Jahr jung an Jahren nach einer schweren Krankheit. Von dieser traurigen Nachricht betroffen, stand für uns eigentlich schnell fest: Die Leiter bekommt jetzt ihren Namen: "Jochens Dreiklang" – ihm zu Ehren! Wir denken, er hätte sich doch darüber gefreut.

Gegenwehr bei Namenspatronen

Feldkanzel mit Rabenkrähe.jpg © Bildagentur SchillingGrößer Viele Namen entstehen bei Bau oder Aufbau eines Hochsitzes. Wir wollten bei uns im Revier "noch mal eben schnell" vor der Bockjagd einen Erdsitz an aussichtsreicher Stelle bauen. Zusammen mit zwei Freunden machten wir uns eines Nachmittags spontan auf den Weg zu dem kleinen Hügel, der von unserem Schirm gekrönt werden sollte. Dort angekommen, stellte sich heraus, dass lange Nägel fehlten, die Bretter teilweise morsch waren, und der Hammer eignete sich eher für den Hausinnengebrauch. Egal! Da wir nun mal vor Ort waren, wurde dennoch mehr schlecht als recht ein Erdschirm zusammengezimmert. Die scheinbar tolle Idee, dieses "Kunstwerk" als kleines Danke-schön nach einem der beteiligten Mitbauer zu benennen, stieß aber auf blankes Entsetzen. "Das kommt überhaupt nicht infrage. Mit so einer dilettantischen Arbeit wollen wir nichts zu tun haben." Das einzig positive dieser bedenklichen Aktion war die unmittelbare Geburtsstunde des Namens: "Dilettantensitz".
Dilettantisch war seine Lage keinesfalls, wir erlegten von dort aus recht häufig Wild.
Aber versuchen Sie einmal, einen Jagdgast oder -freund mit den Worten loszuschicken: "Du gehst heute zum Dilettantensitz" – die Reaktionen möge sich jeder selber ausmalen. Ebenfalls nur schwer vermittelbar für neue Gäste ist die sogenannte "Affenleiter" im Revier eines Jagdfreundes.
Eine einfache Leiter sollte zum Aufgang der Bockjagd an einer Wiese an einem Baum angebracht werden. Dem Jagdfreund und seinen Mitstreitern fehlten Stricke oder eine zweite Aluminiumleiter, mit der das neue Sitzmöbel aus Douglasie an der ausgewählten Buche aufgerichtet werden konnte.

Einer der Jäger fasste sich ein Herz, umschlang den Baum und schob sich so Zentimeter um Zentimeter am Stamm hochrutschend bis zu den ersten Ästen. Die Leiter wurde befestigt, und zur Freude aller Beteiligten kam der Kletterer auf gleichem Weg wieder nach unten. Die anerkennende Bemerkung des Jagdherrn: "Du kletterst ja wie ein Affe", führte noch vor Ort zur Namensgebung. In diesem Zusammenhang sei noch der "Bananensitz" erwähnt, der sogar im Nachbarrevier der "Affenleiter" steht. Hier haben Waldarbeiter in der Tat während der Bauphase ihre Bananenschalen in den Löchern für die Pfosten entsorgt. Der zuständige Förster fand daher den Namen "Bananensitz" sehr passend.

Klein Kanada im väterlichen Forst


Es gibt natürlich auch Hochsitze, die nach örtlichen Begebenheiten oder der Historie benannt wurden. Dazu zählen zum Beispiel "Am Buchenteich", "An den Blaufichten" oder "An der alten Obstwiese". In diese Kategorie gehören auch die Sitze, die nach alten Land- und Hofbezeichnungen oder ihren (ehemaligen) Betreibern benannt wurden. "Nowacks Weide", die "Müllersche Wiese" oder das "Wenser Feld". An "Heidmanns Hof" befand sich vor Jahrzehnten eine alte Hofstelle.
Dies kann man noch an den alten Eichen erkennen, die dort im Halbrund stehen. Durch diese Laubholzinsel zieht gerne das Damwild, und dort fällt auch jedes Jahr ein guter Rothirsch.
Die "Leiter auf den Wolfsbergen" weist mit ihren Namen noch mehr in die Vergangenheit. In einem anderen Revier steht ein Sitz "Schau ins Land". Was sich zunächst eher nach einer Aussichtsplattform für Touristen anhörte, entpuppte sich als eine der nettesten Ansitzeinrichtungen, die wir bisher kennengelernt haben: Die halboffene Kanzel stand an einem Berghang, und man blickte von dort über ein herrliches Tal in den gegenüberliegenden Hang. Dort stand fast immer Rotwild in der Nachmittagssonne.

Die Umgebung spielt also häufig bei der Kennzeichnung der Sitze eine Rolle. Bei meinem Vater in seiner Revierförsterei gibt es eine größere Fläche, die er zur Wiedervernässung unter Wasser gesetzt hat. Dort stehen abgestorbene Bäume in einer wunderschönen natürlichen Wasserlandschaft. An dieser Fläche gibt es eine offene Leiter, auf der wir sehr gerne ansitzen. Der Blick kann in die Ferne schweifen, es herrscht dort eine besondere Atmosphäre. Diese Landschaft erinnerte uns an nordische Länder, und so gaben wir der Leiter den Namen "Klein Kanada". Hier konnte immer wieder durchziehendes Rotwild beobachtet und auch das eine oder andere Stück erlegt werden.

Hochstand als Geschenk

Baufälliger_Hochsitz.jpg © Bildagentur SchillingGrößer Einige Kanzeln finden ihren Weg auf ungewöhnliche Weise in den Wald – als ein Hochzeitsgeschenk gehört beispielsweise zu den nicht alltäglichen Möglichkeiten. Entsprechend heißt der Sitz "Hochzeitskanzel" und ist innen über der Rückbank mit den Initialen des Ehepaares versehen. "Wir gehen gerne gemeinsam zum Ansitz", so die älteren Eheleute, "und wir haben von dieser Kanzel schon so manchen Bock zusammen erlegt."
Schmunzelnd erzählen sie außerdem, dass sie auch ein Paar dorthin geschickt haben, das sie verkuppeln wollten, "als Wink mit dem Zaunpfahl sozusagen".
Über den Erfolg dieser Aktion schweigen sie sich allerdings aus.

Missetat


Das Umbenennen eines Sitzes funktioniert in Jägerkreisen besonders gut, wenn Pannen oder Pech eine Rolle spielen. Kein Name ist zu kompliziert, um dem (un)glücklichen Erleger Jahr für Jahr seine vermeintliche Missetat vor Augen zu führen. Dann sind beispielsweise solche Dialoge zu hören: "Du gehst zur ehemaligen ,Fahrbaren Kanzel’. Das ist da, wo dein Mann den guten Jährlingssechser geschossen hat." – "Aber er hatte doch gesagt, dass der Bock Rachendasseln hatte." – "Genau, also dahin, wo dein Mann den gut veranlagten Hustinettenbär erlegt hat." Dies wird stets mit einem Augenzwinkern gesagt und von Lachern begleitet. Der Jagdherr hatte es nicht übel genommen, dass mein Mann in der Tat einen guten, im Wildpret sehr starken Jährlingssechser erlegt hatte. Unnötig zu sagen, wer sonst mit Vorliebe in der "Kanzel, wo der gute Jährlingssechser geschossen wurde" immer wieder angesetzt wird: der Missetäter!

Grenzenlose Vielfalt

Da gibt es noch den "Bassenberg" (er steht neben einem bekannten Sauenwechsel), den "Kaiserwinkel" (ein jagdlich immer wieder sehr erfolgreicher Sitz – eben der Kaisersitz), "Dalmanns Eck" (das ist nicht die Eckkneipe nebenan, sondern ein Erdschirm, der nach einem netten jungen Mann benannt wurde), den "Mückensitz" (jeder, der hier imFrühjahr/Sommer einmal gesessen hat, weiß, warum er so heißt), "Spartakus" (eine Kanzel, die auf einem freien Feld Wind und Wetter trotzt), "Bei Jack" (hier liegt der treue Vierbeiner eines Jägers begraben) – die Liste lässt sich endlos weiterführen. Doch es gibt auch immer wieder Sitze, deren Namensgebung (wohlweislich?) im Dunkeln bleiben wird. Jeder mag sich seinen Teil denken, wenn er eines Tages irgendwo zum "Whiskysitz", zum "Beichtstuhl" oder auf "Rendezvous” geschickt wird …
18.01.2010 10:50

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