Der Besuch bei einem Jagdfreund war
schon lange geplant. Neben ausreichend
Zeit zum Plaudern sollte es natürlich
zur Jagd gehen. "Du gehst zu Ali und
Du zum Tanzboden", wurden wir angewiesen.
Mein Mann und ich schauten
uns ratlos an: Ali? Das hörte sich
nach Dönerbude an. Und Tanzboden?
Wir wollten doch jagen gehen. Unsere
Gesichter müssen Bände gesprochen
haben, denn unser Freund lachte auf:
"Keine Angst, das sind beides gute Sitze.
Ali heißt übersetzt ‚an der Lichtleitung’,
doch das war uns auf Dauer zu lang.
Mittlerweile sagen wir intern auch nur
‚Dönerbude’ dazu". Aha, also hatte ich
damit schon mal recht. Aber was hatte
es nun mit dem Tanzboden auf sich?
"Der Sitz hatte mal die Nummer 96.
Ein
junger Mitjäger hat den mal als Geschenk
für uns gebaut und es wohl etwas gut
gemeint. Auf jeden Fall ist der Hochsitz
so groß geworden, dass mindestens fünf
Erwachsene dort nebeneinander sitzen
können. Irgendjemand nannte ihn darum
mal ,Tanzboden’ und seither heißt er so."
Nun, dann war ja alles geklärt. Bei "Ali"
saß man übrigens wirklich sehr gemütlich,
die besagte Lichtleitung verlief im
Rücken, vor mir lag eine kleine Lichtung.
Auf eben dieser konnte ich an
dem Abend sogar noch eine Schmalgeiß
erlegen. Der "Tanzboden" übertraf nach
Beschreibungen meines Mannes noch
bei weitem den Hinweis " …hat es wohl
gut gemeint".
Hier oben kam es, wie
wir später erfuhren, im Laufe der Jahre
immer wieder zu grotesken Situationen,
wenn ein Jäger in Ecke A saß, aber das
Wild von Seite B anwechselte. Meinem
Mann ging es nicht anders: Für welche
der vier Seiten sollte er sich entscheiden?
Haben Sie einmal vor der Schussabgabe
versucht, unentdeckt durch Ihre Ansitzeinrichtung
"zu laufen", um gegenüber
wieder Platz zu nehmen? Wenn Sie es
lesen, hört es sich lustig an, bei der Jagd
kann man daran allerdings verzweifeln.
Kleines Drama im Wald
Vielleicht sind Sie auch schon mal zu
einem Sitz geschickt worden, der eine
ausgefallene Bezeichnung hatte. Bei
vielen Sitzen steckt hinter der Namensgebung
eine interessante, amüsante oder
leicht dramatische Geschichte. Zur letzten
Kategorie gehört der Sitz "Der verlorene
Sohn". Bei einem gemeinsamen
jagdlichen Familienausflug wollten die
Männer der Runde noch eine alte Leiter
ausbessern. Der vierjährige Sohn des
Pächters wollte unbedingt mit, und so
brach man von der Jagdhütte mit allerlei
Werkzeug auf.
Die Männer werkelten
fleißig, und der kleine Junge hielt
sich immer in Sichtweite auf. Nach einiger
Zeit waren die Ausbesserungsarbeiten
erledigt, die Leiter neu ausgerich-tet und nach dem Probesitzen für gut
befunden. "Hier kannst Du heute Abend
ansitzen. Und nimm doch mal Deinen
Sohn mit", schlug einer der Männer
dem Jagdherren vor. "Keine schlechte
Idee. Jonas, willst Du heute Abend mit
Papa zur Jagd?", fragte der Mann, sich
nach seinem Sohn umdrehend. Doch
der Kleine war nicht zu sehen. Es wurde
gerufen und gesucht, doch das Kind war
nicht aufzufinden. Bereits leicht panisch
kam man überein, dass man zur Hütte
zurückkehren, einen Hund holen und
einen größeren Suchtrupp organisieren
wollte. An der Jagdhütte angekommen,
saß der kleine Jonas davor und spielte
vergnügt im Sand.
Nach der ersten
Erleichterung und großer Freude stellte
sich heraus, dass dem Kind langweilig
geworden war und es ganz alleine die
zwei Kilometer zur Hütte gelaufen war.
Seine Mutter hatte sich zwar gewundert,
dass Jonas alleine zurückkam, aber
als der Kleine sagte: "Papa baut noch
und kommt auch gleich", machte sie
sich weiter keine Gedanken. Nach diesem
Erlebnis wurde die Leiter auf den
Namen "Der verlorene Sohn" getauft.
Ein ungeduldiger Förster
Zu den amüsanteren Geschichten
gehört mit Sicherheit folgende: Ein
Jagdgast wurde von einem kurz vor der
Pensionierung stehenden Forstbeamten
geführt. Es sollte ein ganz besonderer
Hirsch sein, eben der Lebenshirsch. Der
Jagdgast stellte sich als relativ komplizierter
Zeitgenosse heraus. Bis es losgehen
konnte, verstrich immer diverse
Zeit, da der Waidmann erst sich und
seine umfangreiche Ausrüstung bereitmachen
musste. Der Forstbeamte brachte
nicht mehr die rechte Geduld auf und
herrschte den Gast an, er möge doch
lediglich seine Waffe mitnehmen.
Doch
der Gast bestand auf seinem "Ritual",
wie er es nannte. Der ihm zugedachte
Hirsch hatte seinen Einstand an einer
Lichtung, an der eine Leiter stand.
Bereits mehrere Versuche waren fehlgeschlagen,
den Geweihten zu strecken.
Entweder war es dem Gast zu weit, ihm
passte die Gewehrauflage nicht, oder er
brauchte einfach zu lange. Beim zehnten
Versuch trat tatsächlich besagter
Hirsch aus. Bei diesem Mal löste sich
ein Schuss – doch das Projektil erlegte
nur einige Kleeblüten in Hirschnähe.
Daraufhin konnte der altgediente Förster
nicht mehr an sich halten und murmelte:
"Idiot!" Allerdings so laut, dass
sein Nebenmann es mitbekam.
Es kam
zu einem Wortgefecht, an dessen Ende
der Jagdgast beleidigt abfuhr und der
Förster die Tage zu seiner Pensionierung
noch mehr herbeisehnte. Aber noch vor
seinem Dienstende stand der Name der
Leiter fest: "Idiotensitz".
Arzt und Rechtsanwalt als Namenspaten
Bei einer Bewegungsjagd vor vielen Jahren
gehörte auch ein Arzt zu unseren
Jagdgästen. Henning, Doktor der Allgemeinmedizin
und als sehr sicherer,
aber auch "raumgreifender" Schütze
bekannt, bekam einen Stand zugewiesen,
der noch namenlos war, und erlegte
von dort ein Rotkalb – mit einem
sicheren Schuss auf "deutlich über 200
Meter", wie später das Bergekommando
zu Protokoll gab. Daraufhin erzählte er
von seinen Anblicken: "Dort, wo ich hingeschossen
habe, müsste eigentlich ein Sitz
hin, drei Rudel sind da durchgezogen."
Wir sahen uns die Ecke an und gaben
ihm Recht. Also stellten wir dort eine
neue offene Leiter auf. Es war nach der
Vorgeschichte eigentlich klar, dass dieser
Sitz "Doktorenleiter" heißen musste.
Nicht immer stehen also die Sitznamen
sofort fest. So war es bei einer
anderen Leiter in unserem Revier. Zur
Beschreibung hieß es eigentlich immer
"die Leiter am Birkenweg gegenüber".
So richtig zufrieden waren wir damit
nicht, aber es fiel uns nichts anderes ein.
Bis zu dem Tag, als dort während einer
anderen Beunruhigungsjagd ein Rechtsanwalt
saß. Am Ende der Jagd hatte er
von dieser Leiter einen Überläufer, ein
Rotkalb und ein Dam-Schmaltier liegen.
"Drei verschiedene Schalenwildarten
habe ich noch nie an einem Tag erlegt",
freute sich der Jägersmann. Ehrlich und
bescheiden wie er war, wehrte er sich
dagegen, dass der Sitz nach ihm und
seinem jagdlichen Glück benannt werden
sollte.
Das Schicksal hielt für unseren
Freund leider nichts Gutes parat, er
verstarb im letzten Jahr jung an Jahren
nach einer schweren Krankheit. Von
dieser traurigen Nachricht betroffen,
stand für uns eigentlich schnell fest:
Die Leiter bekommt jetzt ihren Namen:
"Jochens Dreiklang" – ihm zu Ehren!
Wir denken, er hätte sich doch darüber
gefreut.
GrößerHochsitznamen
Jagderlebnis
In einigen Revieren sind sie nur eine schlichte Nummer, aber sie gehören zum jagdlichen Alltag wie Fernglas oder Waffe: Hochsitze, Kanzeln und Leitern. Doch vielerorts haben Hochsitze auch Namen – und dahinter verbergen sich oft amüsante Geschichten oder kleine "Dramen".
Gegenwehr bei Namenspatronen
Größer
Viele Namen entstehen bei Bau oder
Aufbau eines Hochsitzes. Wir wollten
bei uns im Revier "noch mal eben
schnell" vor der Bockjagd einen Erdsitz
an aussichtsreicher Stelle bauen. Zusammen
mit zwei Freunden machten wir
uns eines Nachmittags spontan auf den
Weg zu dem kleinen Hügel, der von
unserem Schirm gekrönt werden sollte.
Dort angekommen, stellte sich heraus,
dass lange Nägel fehlten, die Bretter teilweise
morsch waren, und der Hammer
eignete sich eher für den Hausinnengebrauch.
Egal! Da wir nun mal vor Ort
waren, wurde dennoch mehr schlecht
als recht ein Erdschirm zusammengezimmert.
Die scheinbar tolle Idee, dieses
"Kunstwerk" als kleines Danke-schön nach einem der beteiligten Mitbauer
zu benennen, stieß aber auf blankes
Entsetzen. "Das kommt überhaupt
nicht infrage. Mit so einer dilettantischen
Arbeit wollen wir nichts zu tun haben."
Das einzig positive dieser bedenklichen
Aktion war die unmittelbare Geburtsstunde
des Namens: "Dilettantensitz".
Dilettantisch war seine Lage keinesfalls, wir erlegten von dort aus recht häufig Wild.
Aber versuchen Sie einmal, einen Jagdgast oder -freund mit den Worten loszuschicken: "Du gehst heute zum Dilettantensitz" – die Reaktionen möge sich jeder selber ausmalen. Ebenfalls nur schwer vermittelbar für neue Gäste ist die sogenannte "Affenleiter" im Revier eines Jagdfreundes.
Eine einfache Leiter sollte zum Aufgang der Bockjagd an einer Wiese an einem Baum angebracht werden. Dem Jagdfreund und seinen Mitstreitern fehlten Stricke oder eine zweite Aluminiumleiter, mit der das neue Sitzmöbel aus Douglasie an der ausgewählten Buche aufgerichtet werden konnte.
Einer der Jäger fasste sich ein Herz, umschlang den Baum und schob sich so Zentimeter um Zentimeter am Stamm hochrutschend bis zu den ersten Ästen. Die Leiter wurde befestigt, und zur Freude aller Beteiligten kam der Kletterer auf gleichem Weg wieder nach unten. Die anerkennende Bemerkung des Jagdherrn: "Du kletterst ja wie ein Affe", führte noch vor Ort zur Namensgebung. In diesem Zusammenhang sei noch der "Bananensitz" erwähnt, der sogar im Nachbarrevier der "Affenleiter" steht. Hier haben Waldarbeiter in der Tat während der Bauphase ihre Bananenschalen in den Löchern für die Pfosten entsorgt. Der zuständige Förster fand daher den Namen "Bananensitz" sehr passend.
Klein Kanada im väterlichen Forst
Es gibt natürlich auch Hochsitze, die nach örtlichen Begebenheiten oder der Historie benannt wurden. Dazu zählen zum Beispiel "Am Buchenteich", "An den Blaufichten" oder "An der alten Obstwiese". In diese Kategorie gehören auch die Sitze, die nach alten Land- und Hofbezeichnungen oder ihren (ehemaligen) Betreibern benannt wurden. "Nowacks Weide", die "Müllersche Wiese" oder das "Wenser Feld". An "Heidmanns Hof" befand sich vor Jahrzehnten eine alte Hofstelle.
Dies kann man noch an den alten Eichen erkennen, die dort im Halbrund stehen. Durch diese Laubholzinsel zieht gerne das Damwild, und dort fällt auch jedes Jahr ein guter Rothirsch.
Die "Leiter auf den Wolfsbergen" weist mit ihren Namen noch mehr in die Vergangenheit. In einem anderen Revier steht ein Sitz "Schau ins Land". Was sich zunächst eher nach einer Aussichtsplattform für Touristen anhörte, entpuppte sich als eine der nettesten Ansitzeinrichtungen, die wir bisher kennengelernt haben: Die halboffene Kanzel stand an einem Berghang, und man blickte von dort über ein herrliches Tal in den gegenüberliegenden Hang. Dort stand fast immer Rotwild in der Nachmittagssonne.
Die Umgebung spielt also häufig bei der Kennzeichnung der Sitze eine Rolle. Bei meinem Vater in seiner Revierförsterei gibt es eine größere Fläche, die er zur Wiedervernässung unter Wasser gesetzt hat. Dort stehen abgestorbene Bäume in einer wunderschönen natürlichen Wasserlandschaft. An dieser Fläche gibt es eine offene Leiter, auf der wir sehr gerne ansitzen. Der Blick kann in die Ferne schweifen, es herrscht dort eine besondere Atmosphäre. Diese Landschaft erinnerte uns an nordische Länder, und so gaben wir der Leiter den Namen "Klein Kanada". Hier konnte immer wieder durchziehendes Rotwild beobachtet und auch das eine oder andere Stück erlegt werden.
Hochstand als Geschenk
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Einige Kanzeln finden ihren Weg auf
ungewöhnliche Weise in den Wald – als
ein Hochzeitsgeschenk gehört beispielsweise
zu den nicht alltäglichen Möglichkeiten.
Entsprechend heißt der Sitz
"Hochzeitskanzel" und ist innen über
der Rückbank mit den Initialen des
Ehepaares versehen. "Wir gehen gerne
gemeinsam zum Ansitz", so die älteren
Eheleute, "und wir haben von dieser
Kanzel schon so manchen Bock zusammen
erlegt." Schmunzelnd erzählen sie außerdem, dass sie auch ein Paar dorthin geschickt haben, das sie verkuppeln wollten, "als Wink mit dem Zaunpfahl sozusagen".
Über den Erfolg dieser Aktion schweigen sie sich allerdings aus.
Missetat
Das Umbenennen eines Sitzes funktioniert in Jägerkreisen besonders gut, wenn Pannen oder Pech eine Rolle spielen. Kein Name ist zu kompliziert, um dem (un)glücklichen Erleger Jahr für Jahr seine vermeintliche Missetat vor Augen zu führen. Dann sind beispielsweise solche Dialoge zu hören: "Du gehst zur ehemaligen ,Fahrbaren Kanzel’. Das ist da, wo dein Mann den guten Jährlingssechser geschossen hat." – "Aber er hatte doch gesagt, dass der Bock Rachendasseln hatte." – "Genau, also dahin, wo dein Mann den gut veranlagten Hustinettenbär erlegt hat." Dies wird stets mit einem Augenzwinkern gesagt und von Lachern begleitet. Der Jagdherr hatte es nicht übel genommen, dass mein Mann in der Tat einen guten, im Wildpret sehr starken Jährlingssechser erlegt hatte. Unnötig zu sagen, wer sonst mit Vorliebe in der "Kanzel, wo der gute Jährlingssechser geschossen wurde" immer wieder angesetzt wird: der Missetäter!
Grenzenlose Vielfalt
Da gibt es noch den "Bassenberg" (er steht neben einem bekannten Sauenwechsel), den "Kaiserwinkel" (ein jagdlich immer wieder sehr erfolgreicher Sitz – eben der Kaisersitz), "Dalmanns Eck" (das ist nicht die Eckkneipe nebenan, sondern ein Erdschirm, der nach einem netten jungen Mann benannt wurde), den "Mückensitz" (jeder, der hier imFrühjahr/Sommer einmal gesessen hat, weiß, warum er so heißt), "Spartakus" (eine Kanzel, die auf einem freien Feld Wind und Wetter trotzt), "Bei Jack" (hier liegt der treue Vierbeiner eines Jägers begraben) – die Liste lässt sich endlos weiterführen. Doch es gibt auch immer wieder Sitze, deren Namensgebung (wohlweislich?) im Dunkeln bleiben wird. Jeder mag sich seinen Teil denken, wenn er eines Tages irgendwo zum "Whiskysitz", zum "Beichtstuhl" oder auf "Rendezvous” geschickt wird …
18.01.2010 10:50


