Gleichgewicht

Jagdpraxis

Advent – Kerzenschein, Bäckerein und Tannengrün. Kurze Tage und lange kalte Nächte reichen sich die Hand. Der Dezember treibt uns raus, den Mond zu nutzen und tagsüber dem Wild über die nahrungsarme Zeit zu helfen.

Feldrevier im Dezember

JG_Rotfuchs.jpg © Jürgen GaußGrößer Im Julmond, wie der Dezember früher genannt wurde, erinnert uns das alte heidnische Lichtfest, das Julfest, an das Wiederaufsteigen der Sonne. Die Sonne galt seit Jahrtausenden als Urbild aller Lebenskraft. Eine Sichtweise, die in dieser einfachen Art der Naturverbundenheit des hegenden und jagenden Praktikers entspricht. Ende Dezember kommt das im geistigen Empfinden weiterführende christliche Weihnachtsfest hinzu.

Alle diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, als ich ins Feldrevier meines Jagdfreundes fahre. "Hege", was bedeutet das heutzutage? Die Aufgaben des Hegers sind zweigeteilt: Nach "außen", in Richtung einer nicht jagenden Bevölkerung, müssen wir vermehrt deutlich machen, dass es "die Natur" nicht mehr gibt. Überall ist "die Natur" durch denMenschen dauerhaft verändert worden. Der moderne Begriff "Kulturlandschaft" gibt eher beschönigend wieder, dass Lebensräume massiv gestört worden sind. Jagd und Jäger sind als Regulativ an die Stelle anderer getreten – und dort unverzichtbar geworden.

Der Hegebegriff nach innen, in unserem eigenen Selbstverständnis, ist dann oft untrennbar mit den Begriffen Erhalt, Füttern und Fördern verbunden. Hege wird als in der Fläche den Artenreichtum erhaltend verstanden. Der Jäger sichert den Erhalt solcher früher doch "selbstverständlicher" Tierarten wie Rebhuhn und Hase. Diese erfreuen sich in der Bevölkerung großer Sympathie. Vor dem Hintergrund kann der Praktiker den Begriff Hege nach "außen" erklärbar machen.

Fütterung, sinnvoll verstanden, bedeutet nicht Mastviehhaltung, sondern Überlebenshilfe, wenn Wildäcker und -wiesen nicht mehr allein dem Wilde eine Ernährungsgrundlage in ausgeräumter Feldflur bieten können. Daher hängt der Praktiker im Julmond dem Hasen den Brotkorb tiefer: Meine Bewaffnung besteht heute aus einer Motorsäge und einer Astschere, da mein Jagdfreund mich und andere Jäger zum Heckenschnitt eingeladen hat. Wir schneiden Weichholz am Flussufer und zwei seiner Hecken zurück – Jagdgesellschaft einmal anders! Hinterher gibt es Fachsimpeleien an der Jagdhütte und Glühwein, auch ein schöner "Jagdtermin", wie ich finde.

Spätestens bei der Suche nach dem berühmten Weihnachtsbraten, der alljährlich in Form eines Hasen auf den Tisch kommt, werden jene Jagdkarteninhaber verzweifeln, die sich auch in diesem Kalenderjahr nicht um die Fallenjagd gekümmert haben. Mein Jagdfreund ist da anders. An der Hütte angekommen, baumelten dort bereits zwei Füchse. "Meine frühmorgendliche Runde zu den Fallen habe ich schon hinter mir", erläutert er uns. Seine Strecke bis dato: Acht Rotröcke nur aus den Fallen, weitere sechs mit der kleinen Kugel. Statt Treibjagd auf Hase und Fasan lädt er alle zwei Jahre zum gemeinschaftlichen Abend- und Mondansitz ein. Immer im Wechsel gibt es so eine Hasen- und Hühnerjagd bzw. eine Raubwildjagd. Das bedeutet für uns in diesem Jahr: Mittwoch, 2. Dezember ist Vollmond, das Wochenende davor wird bei ihm im Feld angesessen.

Wer "A" (Fasan, Rebhuhn und Hase) sagt, muss eben auch "B" (Raubwild etc.) sagen, so seine Meinung. Wenn, wie oben beschrieben, Kulturlandschaften (nicht Natur!) fortschreitend verändert werden, bemüht sich der Praktiker verstärkt um jene Arten, denen dieseVeränderungen zum Vorteil gereichen: Füchse, Marder, Ratten, Katzen, um nur einige zu nennen. Hier geht es, liebe Tierschutzfreunde, nicht um Nutz- und Friedwild, nicht um gut und böse. Hier geht es um Gleichgewichte, um Regulative in einer Umwelt, in der sich – entgegen mancher politisch-ideologischer Ansicht – nichts mehr von alleine reguliert. Hier geht es erneut um Hege!

Waldrevier im Dezember

gemeinsam Aufbrechen.jpg © Jens Peter BurkhardtGrößer Eine Woche später blasen wir bei uns zur letzten Gesellschaftsjagd im Wald. Bereits drei Tage vorher fahren wir in unsere Jagdklause im Wald, eine kleine Hütte abseits aller Straßen und Wege. Bereits am Vorabend der Abfahrt wurden erste Sachen herausgesucht. Schon allein diese Tätigkeit lässt eine Vorfreude aufkommen, die neue Energie gibt. Eine letzte Kontrolle: Schnell wird noch die Ausrüstungskiste überprüft. Haben wir genug Kerzen? Wie sieht es mit den Petroleumlampen aus? Eine Überprüfung der Gaskartuschen zeigt, dass sie noch dreiviertel voll sind. Benzin ist ebenso ausreichend vorhanden. Streichhölzer und Holzanzünder – sie sind lebenswichtig – hatten wir nach dem letzten Hüttenbesuch ersetzt. Die Wasserkanister sind gefüllt, auch der mit Trinkwasser. Die frischen Lebensmittel wie Brot, Margarine, Wildsalami und Marmelade kommen mit den Kühlakkus in die Kühlbox. Hundefutter, Futter- und Wassernapf stehen schon bereit. Es geht los, jetzt kann für uns die Weihnachtszeit beginnen.

Die Tage und Abende in der Hütte sind für uns das wahre Weihnachten. Liegt es an der Ruhe, am Kerzenschein oder daran, einmal kein Fax, keine Mailadresse und keine permanente Erreichbarkeit zu haben? Nun, am Jagdtag, füllt sich morgens der Platz vor der Hütte – freudige Gesichter allenthalben und gutes Wetter. Wir jagen heute, um unsere Schalenwildabschüsse abzurunden, erkläre ich den wenigen Teilnehmern. Wir sind gut davor und wollen mit dieser Jagd unnötiges Jagen im Jänner vermeiden. Für uns ist nach diesem Jagdtag heute, bis auf Schwarzwild, die Schalenwildjagd erledigt! Ohne Hunde und nur mit fünf Treibern werden wir heute 360 Hektar nehmen, es soll eine ruhige, gemeinschaftliche Ansitzjagd sein, bei der wir das Wild nur anrühren möchten.

Gegen 10:00 Uhr haben alle ihre Stände bezogen, um 10:30 Uhr laufen die Treiber einzeln von verschiedenen Punkten aus los. Ich gehe mit meinem BGS an der Leine durch, möchte ich doch wieder das Revier durchmessen und sehen, wo was steckt. Vor einem kleinen Brombeerverhau nimmt mein Hund die Nase hoch – Sauen? Nur hüstelnd und einige Ranken herunter tretend gehen wir nur etwas in den Verhau, als gegenüber drei Überläufer herauswischen. Zielstrebig durchmessen sie das raume Holz und steuern eine Dickung an, an der es kurze Zeit später knallt. Nach zwei Stunden sind elf Schüsse gefallen. 12:00 Uhr ist Ende, Treffen am Streckenplatz zum gemeinsamen zentralen Aufbrechen. Acht Stücke liegen, ein Schuss auf einen Frischling ging fehl, ein Schuss auf einen Rotfuchs ebenso. Zudem liegt eine Nachsuche auf ein Rotkalb an. Während wir aufbrechen und unsere Eindrücke austauschen, laufen schon die Kontrollen mit Schweißhunden. Der vermeintliche Fehlschuss Nr. 1 entpuppt sich als Frischling, der noch 80 Meter ging. Die zweite Nachsuche einen Pansenschuss auf ein Rotkalb, das nach kurzer Suche und Hetze gestellt und erlegt werden kann. Fehlschuss Nr. 2 auf den Fuchs ging tatsächlich daneben. Ausbeute des Tages: zwei Sauen, vier Stück Rotwild, zwei Rehe, zwei Füchse, ein Fehlschuss.

Drei Gäste erwerben ihre Beute noch am Streckenplatz, die anderen Stücke holt unser Dorfschlachter, der die Tiere für uns portionieren und einschweißen wird. In ein paar Tagen holen wir das Fleisch ab und füllen die Truhen – herrlich.

Wieder ein Woche später im Waldrevier: Nach Rücksprache mit dem Privatwaldbesitzer schlagen wir zahlreiche Douglasienstangen für die künftige Produktion neuer Ansitzeinrichtungen. Warum jetzt? Die Stangen belassen wir noch zwei Wochen im Wald, die Stammenden sowieso. Die Stangen holen wir dann zwischen den Jahren erst wieder ab, um sie dann luftig neben der Hütte zu lagern. Bis dahin ist alles liegende Holz recht sauber geschält.

Die nun vom Äser erreichbare Spiegelrinde wurde gerne aufgenommen. Wir haben "vorgeschälte" Stangen, das Wild mehr zum Äsen – Holzeinschlag auch im kleinen Stil eben dann, wenn es dem Wild nützlich ist. Alles Kleinigkeiten, wie wir im Winter weiterhelfen können.
19.01.2010 11:08

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