Größer
Im Julmond, wie der Dezember früher
genannt wurde, erinnert uns das alte
heidnische Lichtfest, das Julfest, an das
Wiederaufsteigen der Sonne. Die Sonne
galt seit Jahrtausenden als Urbild aller
Lebenskraft. Eine Sichtweise, die in dieser
einfachen Art der Naturverbundenheit
des hegenden und jagenden Praktikers
entspricht. Ende Dezember kommt
das im geistigen Empfinden weiterführende
christliche Weihnachtsfest hinzu.
Alle diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, als ich ins Feldrevier meines Jagdfreundes fahre. "Hege", was bedeutet das heutzutage? Die Aufgaben des Hegers sind zweigeteilt: Nach "außen", in Richtung einer nicht jagenden Bevölkerung, müssen wir vermehrt deutlich machen, dass es "die Natur" nicht mehr gibt. Überall ist "die Natur" durch denMenschen dauerhaft verändert worden. Der moderne Begriff "Kulturlandschaft" gibt eher beschönigend wieder, dass Lebensräume massiv gestört worden sind. Jagd und Jäger sind als Regulativ an die Stelle anderer getreten – und dort unverzichtbar geworden.
Der Hegebegriff nach innen, in unserem eigenen Selbstverständnis, ist dann oft untrennbar mit den Begriffen Erhalt, Füttern und Fördern verbunden. Hege wird als in der Fläche den Artenreichtum erhaltend verstanden. Der Jäger sichert den Erhalt solcher früher doch "selbstverständlicher" Tierarten wie Rebhuhn und Hase. Diese erfreuen sich in der Bevölkerung großer Sympathie. Vor dem Hintergrund kann der Praktiker den Begriff Hege nach "außen" erklärbar machen.
Fütterung, sinnvoll verstanden, bedeutet nicht Mastviehhaltung, sondern Überlebenshilfe, wenn Wildäcker und -wiesen nicht mehr allein dem Wilde eine Ernährungsgrundlage in ausgeräumter Feldflur bieten können. Daher hängt der Praktiker im Julmond dem Hasen den Brotkorb tiefer: Meine Bewaffnung besteht heute aus einer Motorsäge und einer Astschere, da mein Jagdfreund mich und andere Jäger zum Heckenschnitt eingeladen hat. Wir schneiden Weichholz am Flussufer und zwei seiner Hecken zurück – Jagdgesellschaft einmal anders! Hinterher gibt es Fachsimpeleien an der Jagdhütte und Glühwein, auch ein schöner "Jagdtermin", wie ich finde.
Spätestens bei der Suche nach dem berühmten Weihnachtsbraten, der alljährlich in Form eines Hasen auf den Tisch kommt, werden jene Jagdkarteninhaber verzweifeln, die sich auch in diesem Kalenderjahr nicht um die Fallenjagd gekümmert haben. Mein Jagdfreund ist da anders. An der Hütte angekommen, baumelten dort bereits zwei Füchse. "Meine frühmorgendliche Runde zu den Fallen habe ich schon hinter mir", erläutert er uns. Seine Strecke bis dato: Acht Rotröcke nur aus den Fallen, weitere sechs mit der kleinen Kugel. Statt Treibjagd auf Hase und Fasan lädt er alle zwei Jahre zum gemeinschaftlichen Abend- und Mondansitz ein. Immer im Wechsel gibt es so eine Hasen- und Hühnerjagd bzw. eine Raubwildjagd. Das bedeutet für uns in diesem Jahr: Mittwoch, 2. Dezember ist Vollmond, das Wochenende davor wird bei ihm im Feld angesessen.
Wer "A" (Fasan, Rebhuhn und Hase) sagt, muss eben auch "B" (Raubwild etc.) sagen, so seine Meinung. Wenn, wie oben beschrieben, Kulturlandschaften (nicht Natur!) fortschreitend verändert werden, bemüht sich der Praktiker verstärkt um jene Arten, denen dieseVeränderungen zum Vorteil gereichen: Füchse, Marder, Ratten, Katzen, um nur einige zu nennen. Hier geht es, liebe Tierschutzfreunde, nicht um Nutz- und Friedwild, nicht um gut und böse. Hier geht es um Gleichgewichte, um Regulative in einer Umwelt, in der sich – entgegen mancher politisch-ideologischer Ansicht – nichts mehr von alleine reguliert. Hier geht es erneut um Hege!



